Zweite Chance für das Überleben in freier Wildbahn sichern

Veröffentlicht am 21 April 2020 von Verena Arnold
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Dr. Johannes Fritz ist Biologe und selbständiger Unternehmer. Der 52-Jährige arbeitet – im Auftrag eines Fördervereins – vorwiegend im Europäischen Artenschutzprojekt zur Wiederansiedlung des Waldrapps. Was sich hinter „menschengeführter Migration von Zugvögeln“ verbirgt, welchen technischen Probleme es dabei zu meistern gilt und wie schwierig die Auswilderung der Ibisart ist, erzählt Johannes anschaulich im folgenden Interview.

„Artenschutz und insbesondere Wiederansiedlungen sind ein aufwendiges und langwieriges Unterfangen“, sagt Johannes. Er engagiert sich mit seinem Team außerdem im Kampf gegen die Umweltkriminalität. Durch umfangreiche Kampagnen versuchen sie, die illegale Vogeljagd zu bekämpfen. Johannes weiß die einzigartigen Rahmenbedingungen des Projektes zu schätzen und nutzt diese auch für umfangreiche Grundlagenforschung zum Vogelflug und -zug.

Geboren wurde Johannes in Hall in Tirol. An den Universitäten in Innsbruck und in Wien studierte er Biologie mit den Schwerpunkten Verhaltensbiologie und Kognition und schloss anschließend seine Promotion ab. Das Unternehmen Waldrappteam ist seit 2002 aktiv. Die Finanzierung wird unter anderem durch Forschungsprojekte gesichert. Johannes beschäftigt eine saisonal variierende Zahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Unser Interviewpartner Dr. Johannes Fritz ist Biologe und selbständiger Unternehmer

 

Welcher Mission hat sich dein Team verschrieben und warum ist sie für euch von großer Bedeutung?

In Übereinstimmung mit einem internationalen Aktionsplan haben wir uns zum Ziel gesetzt, den Waldrapp in der Liste bedrohter Arten herabzustufen und ihm so das Überleben in freier Wildbahn zu sichern. Für 24 Jahre war diese Ibisart als „critically endangered“ gelistet, bevor sie 2018 dank internationaler Bemühungen zum Schutz und zur Wiederansiedlung auf „endangered“ herabgestuft werden konnte. Die Art bleibt aber weiter bedroht. Internationale Bemühungen sind weiterhin nötig, um dieser Zugvogelart ein nachhaltiges Überleben in freier Wildbahn zu ermöglichen. Unser Team macht den weltweit ersten Versuch, eine kontinental ausgestorbene Zugvogelart wieder anzusiedeln, indem wir neue Zugtraditionen gründen. Die von uns entwickelten und angewandten Methoden sollen in weiterer Folge auch im Rahmen von Artenschutzprojekten mit anderen Tierarten zur Anwendung kommen.

 

Wie geht ihr bei der Wiederansiedlung des Waldrapps in Europa vor? Warum ist euer Vorgehen besonders langwierig?

Wir unterscheiden sieben sogenannte „translocation-methods“, die im Rahmen unseres Projektes angewandt und optimiert werden. Die populärste und bedeutendste Methode ist die menschengeführte Migration. Jedes Jahr – mit Ausnahme dieses Jahres, in dem wir wegen der Corona-Pandemie aussetzen müssen – entnehmen wir bis zu 32 Küken aus Zookolonien. Die Vögel werden von menschlichen Zieheltern aufgezogen und auf sie geprägt. So ist es möglich, die Vögel darauf zu trainieren, einem Fluggerät zu folgen, in dem eine Bezugsperson als Kopilotin sitzt. Ab Mitte August folgen die Vögel dem Fluggerät in Etappen vom Brutgebiet nördlich der Alpen bis in das Wintergebiet in der südlichen Toskana, wo sie ausgewildert werden. Nach drei Jahren kehren sie erstmals eigenständig zurück in ihr Brutgebiet, um zu brüten und die Jungvögel dann ihrerseits in das Wintergebiet zu führen. Wir haben 13 Jahre benötigt, um die außergewöhnlichen Methoden zu entwickeln. Die eigentliche Wiederansiedlung findet erst seit 2014 im Rahmen eines europäischen LIFE+-Projekts statt. Inzwischen haben wir aber rund 140 Vögel in freier Wildbahn, die selbständig migrieren und jedes Jahr Jungvögel in den Brutgebieten aufziehen. Insofern sind wir im Vergleich ein junges und effizientes Artenschutzprojekt.

 

Welche Hilfsmittel unterstützen euch bei eurer Projektarbeit immens? Wie kommen diese zum Einsatz?

Die größte technische Herausforderung war das passende Ultraleicht-Fluggerät. Die Vögel fliegen im Schnitt 40–45 km/h, das ist vergleichsweise langsam. Es war schwierig, ein Fluggerät zu finden, das bei dieser geringen Geschwindigkeit ausreichend sicher fliegt, um die Alpen zu queren. Das seit 2007 verwendete, sogenannte Paraplane schafft das. Aber nicht nur die technischen Anforderungen waren eine Herausforderung. Die Piloten benötigen jahrelange Erfahrung und umfangreiche Grundlagenforschung, um den Flug mit den Vögeln zu optimieren. Inzwischen fliegen wir bis zu 360 km am Tag und queren die Alpen auf einer Höhe von bis zu 2.950 Metern. Das nötige Monitoring der Vogel, die sich großräumig in einem Areal von rund 200.000 m² zwischen Süddeutschland und der Toskana bewegen, ist eine weitere große Herausforderung. Dabei helfen und GPS-Geräte, die inzwischen jeder unserer Vögel trägt. Die Positionen können von jedermann über die App “Animal Tracker” abgerufen werden. In zunehmendem Umfang erhalten wir über die GPS-Geräte weitere biometrische Daten, die uns Informationen zum Zustand der Tiere geben und für die Grundlagenforschung sehr wichtig sind. Gerade Zugvögel wie die Waldrappe sind wichtige und sensible Indikatorarten für den Klimawandel.

 

Warum ist eine Wiederansiedlung des Waldrapps sehr sinnvoll? Wie profitiert die europäische Flora und Fauna von seiner Anwesenheit?

Der Waldrapp war einst Teil der europäischen Fauna. Unser Projekt ermöglicht ihm die Rückkehr in seine frühere Heimat. Das ist umso wichtiger, als es im Mittleren Osten und in Nordafrika für diese Art kaum mehr geeignete Lebensräume gibt, während in Europa solche Gebiete im nördlichen Alpenvorland durch nachhaltige, ökologische Landbewirtschaftung zunehmend verfügbar sind. Waldrappe haben aufgrund ihrer Lebensweise kaum Einfluss auf die europäische Flora und Fauna, weder im positiven noch im negativen Sinn. Ihre Wiederansiedlung hat insofern keinen substanziellen ökologischen oder ökonomischen Wert für unsere Gesellschaft. Aber Werte werden in vielfältiger Weise generiert, durch grundlagenwissenschaftliche Veröffentlichungen, durch die Entwicklung von Methoden für den Artenschutz, durch die Nutzung des Waldrapps als „Flagship-Species“ im Kampf gegen Umweltkriminalität oder auch durch zunehmenden Ökotourismus zu den Brutstandorten. Den größten Nutzen hat das Projekt in unserer Zeit aber wohl als ein Zeichen der Hoffnung. Inmitten des sechsten, durch den Menschen verursachten Massenaussterbens auf unserem Planeten bekommt diese Tierart eine zweite Chance für ein Überleben in freier Wildbahn. Und solange diese Chance besteht, gibt es auch Grund zur Hoffnung und Grund zum Handeln.

Der Waldrapp war einst Teil der europäischen Fauna

 

„Flagship-Species“ im Kampf gegen Umweltkriminalität

Der Waldrapp war einst Teil der europäischen Fauna. Dr. Johannes Fritz arbeitet beim Europäischen Artenschutzprojekt zur Wiederansiedlung des Waldrapps. Viele technische Herausforderungen, beispielsweise ein passendes Ultraleicht-Fluggerät zu finden, das extrem langsam, aber sicher über die Alpen fliegen kann, wurden inzwischen gelöst. Und es gibt wieder Gebiete im nördlichen Alpenvorland, die durch nachhaltige, ökologische Landbewirtschaftung Lebensräume für die mit GPS-Geräten ausgestattete Ibisart bieten. 

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