Raum als Wirkungsraum  

Veröffentlicht am 16 März 2020 von Verena Arnold
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Die Konstitution des Menschen und die damit einhergehenden Empfindungen bedingen, dass das Erleben räumlicher Elemente eine körperliche Angelegenheit ist. Die Idee von Raum als Wirkungsraum, als Erscheinungsraum ist damit die Basis jeder entwerferischen Handlung. Für den Architekten ist deshalb das Begreifen der eigenen Wahrnehmung wesentliche Voraussetzung um wirkungsmächtige architektonische Mittel zu identifizieren.

Darin ist Aita Flury eine Expertin: 1969 in Chur geboren, lebt und arbeitet sie heute in Zürich. Ihr Leben bestehe aus Architektur und Spazieren, erzählt sie uns im Interview. So ist auch ihre Labradoodle-Hündin Coco ihr Personal Work-Life-Balance-Coach. Gemeinsam sind sie zudem ein Therapiehundeteam, das alte wie junge Menschen beglückt. 

Die Ursprünge, die bereits den Weg von Aita zur Architektin vorzeichnen, zeigten sich schon im Kindesalter: Bereits als Kleinkind liebte sie es zu zeichnen und zu basteln und spürte zudem sehr früh ein ausgeprägtes Interesse an Raumfragen:  In welchen Räumen fühlt man sich wohl, in welchen Räumen nicht, wie könnte ein Raum verändert werden. Sie hatte grosse Freude daran ihr Zimmer immer wieder umzustellen, es neu zu möblieren und verschiedene Raumstimmungen zu erzeugen. Geprägt wurde Aita zudem durch ihr architektonisch radikal modernistisches Elternhaus.

Unsere Interviewpartnerin ist Architektin Aita Flury

 

Frau Flury, können Sie sich kurz vorstellen? Was sind Sie von Beruf? Was für eine Ausbildung haben Sie absolviert? Seit wann sind Sie selbstständig? Welcher Baustil passt zu Ihnen? 

Ich bin diplomierte Architektin der ETH Zürich und Mitglied im SIA und BSA. Selbständig bin ich seit Studienabschluss mit einer 2-jährigen Zwischenphase als Mitarbeiterin im Architekturbüro Meili Peter Architekten sowie mit dem Studium von ein paar Semestern Philosophie und „Theorie der Gestaltung und Kunst“. 

Meine selbständige Tätigkeit als Architektin habe ich schon in verschiedenen Konstellationen ausgeübt. Seit 2005 betreibe ich mein Büro alleine, arbeite aber immer wieder auch mit befreundeten Büros in Arbeitsgemeinschaften zusammen. Nebst der konkreten Bautätigkeit nehme ich an zahlreichen Wettbewerben und Studienaufträgen teil, habe an verschiedenen Schulen in der Schweiz und Deutschland unterrichtet und publiziere zu diversen architektonischen Fragestellungen. Die Wechselwirkung von Reflexion/Kommunikation in der theoretischen Arbeit mit dem Machen in der praktischen Arbeit sind wichtiges Leitmotiv meiner architektonischen Tätigkeit.

Architektur als Stilfrage zu diskutieren ist aus meiner Sicht nicht gewinnbringend. Als Raumbildende fokussiere ich vielmehr die Analyse architektonischer Mittel in Bezug auf ihre räumliche Wirkungsweise. Das Interesse zielt dabei stets auf die Leistung der Form, der Gestalt, des Raumes in Bezug auf ihre Erscheinung ab. Im Gegensatz zu einer kunstgeschichtlichen Auseinandersetzung ist deshalb ihre Einbettung in eine Periode oder ihr kulturell-historischer Ursprung von untergeordnetem Interesse.

 

Was ist Architektur und was nicht? Was ist für Sie die wichtigste Voraussetzung für Ihren Beruf? Was sind die Gestaltungskriterien, auf die Sie großen Wert legen, und wo liegt der Schwerpunkt Ihrer Arbeit? Auf welche Arten von Gebäuden sind Sie spezialisiert? Für welche Projekte waren Sie verantwortlich? Bieten Sie vorvertragliche Architektenberatung an? Wie wird Ihre Arbeit vergütet?

Der Architekt ist weder Dienstleister noch Künstler. Vielmehr ist er ein humanistisch gebildeter raumbildender, Generalist, der es schafft, aus Normen, Programmen und Anforderungen menschennahe, atmosphärisch kohärente Räume jeglichen Maßstabs zu erschaffen. Das Berufsbild des Architekten ist eines der komplexesten überhaupt, wird aber heute gesellschaftlich stark unter(wert)schätzt. 

Dies hat mehrere Gründe, von denen zwei der wichtigsten hier genannt sein sollen: Die Berufsbezeichnung Architekt ist nicht geschützt, sodass jedermann/-frau heute eine Baueingabe einreichen und bauen kann. Gefördert wird diese Möglichkeit von den aktuellen Baureglementen, die nicht qualitativ, sondern rein quantitativ formuliert sind und es möglich machen, dass auf reine Gewinnmaximierung fokussierte Spekulanten den Großteil der heutigen Bauten erstellen. Mehr Baukultur wird nur möglich, wenn sich auf politischer Ebene – und zwar von ganz weit oben bis runter auf die Kommunalebene – Ideen, An- und Einsichten verändern. Davon sind wir aber weit entfernt, wie es die (wenigen) Abstimmungen zu räumlichen Themen immer wieder vor Augen führen.

 

Was sind die wichtigsten Werkzeuge für einen Architekten und warum? Welches Element darf nie fehlen?

Durch das Medium unseres Körpers können wir räumliche Objekte als zu uns verwandt erfahren. Die Erfahrung von physischen Kräften an unserem eigenen Körper wird zur zentralen Bedingung, um andere körperliche Objekte zu erfahren. Wir nehmen also viel mehr wahr als nur Visuelles. Wir spüren durch unseren ganzen Körper und erst dieser Körper macht es uns möglich, dass wir Gewicht, Kontraktion, Kraft, Spannung, Druck etc. erfahren. Und nur das – die Erfahrung am eigenen Leibe – befähigt uns, den Zustand anderer Formen, Körper, Objekte des Raums zu spüren. 

Der Architekt muss deshalb zwingend den Fokus auf die Wirkung von Architektur zurückbringen. Die Aufmerksamkeit muss darauf liegen, wie Raum oder räumliche Formen erscheinen, welche Wirkung sie auf den Menschen ausüben. Als Architektin muss ich vor allem und zuerst den Zusammenhang zwischen architektonischen Mitteln und deren Wirkung kennen. Leider wissen aber viele Architekten nicht genau, was sie tun …

Was würden Sie jungen Kollegen, die sich selbstständig machen wollen, raten? Welche Wohnmodelle wird es in Zukunft geben? Sehen Sie die Zukunft der Architektur positiv oder negativ?

Ich möchte weder Ratschläge noch Prognosen abgeben, nur auf die gesellschaftliche Bedeutung von Architekturfragen verweisen: Gerade beim Wohnungsbau ist es sehr wichtig zu verstehen, dass das Kollektiv das Fundament einer funktionierenden Gesellschaft ist und dass nur starke öffentliche Räume diese Basis stärken können. Die größte Aufmerksamkeit muss dementsprechend dem öffentlichen Raum gezollt werden, der durch die Wohnhäuser gebildet wird. 

 

Die Diskussion darüber, wie viel Offenheit und wieviel Geschlossenheit ein Entwurf zeigen soll, ist über alle Perioden eine Konstante im Architekturdiskurs: Das Ausbalancieren von Masse und Raum, das Etablieren von räumlichen Sequenzen mit verschiedenen Blickbezügen, das Verhältnis zwischen Bewegungsraum und Aufenthaltsraum sind alles Fragen, die sowohl im städtebaulichen Maßstab als auch in der Wohnung selber auftauchen. Das Verzahnen von Fassadenthemen – die zentral sind für die Qualität der öffentlichen Räume – mit den inneren Aspekten des Wohnens und dessen heutigen Anforderungen (z.B. private Außenräume, Licht etc.) ist eine der größten Herausforderungen für die Architekten in der heutigen Zeit.

 

Architekten müssen humanistisch gebildete Generalisten sein

Aita sieht sich als Raumbildende, die sich nicht mit Stilfragen beschäftigt, sondern vielmehr architektonische Mittel in Bezug auf ihre räumliche Wirkungsweise analysiert. Durch ihre Hartnäckigkeit, die sie in ihrer Erziehung mitbekommen hat, hat sie sich ein eigenes Unternehmen aufgebaut, wo sie unterschiedliche Projekte verwirklicht. Die Verzahnung von theoretischer mit praktischer Arbeit sind für Aita wichtiges Leitmotiv für ihre architektonische Tätigkeit. Ein ausdrückliches Anliegen ist es ihr zudem, dass der Beruf des Architekten gesellschaftlich aufgewertet, angemessen respektiert und auch entsprechend entschädigt wird. Die Architektin als Gesamtleiterin trägt nicht nur ein grosses Unternehmerrisiko sondern trägt auch für die Gesellschaft eine grosse soziale Verantwortung: Die Qualität der öffentlichen Räume sind für das Funktionieren der Gesellschaft, des Kollektivs von zentraler Bedeutung und dürfen weder Spekulanten noch Laien überlassen werden. 

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