Eine Stadt nicht nur ansehen, sondern erleben

Veröffentlicht am 20 Mai 2019 von Verena Arnold
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Es gibt so wundervolle Städte auf dieser Welt, die man einfach mal gesehen haben sollte. Aber wie entdeckt man die Besonderheiten einer Stadt, wenn man nur begrenzt Zeit zur Verfügung hat? Ein schriftlicher Reiseführer gibt zwar Anhaltspunkte, aber es bleiben so viele Fragen offen und ein Gefühl für die Geschichte einer Stadt, bekommt man so auch nicht. Besser ist es, sich von einem Stadtführer die Sehenswürdigkeiten zeigen und die Geschichte dazu erklären lassen. So sieht man eine Stadt nicht nur, sondern erlebt sie.

Um mehr darüber zu erfahren, haben wir mit der 60-jährigen Marie-Christine Egger aus Solothurn gesprochen. Die gelernte Krankenschwester fand nach 18 Jahren in diesem wundervollen Beruf den Mut, sich einzugestehen, dass sie selbst nicht wirklich glücklich mit dieser Berufswahl war.

Um ihr Ziel verwirklichen zu können, absolvierte sie eine zusätzliche 3-jährige Ausbildung zur Podologin, unterstützt von ihrem verständnisvollen Partner. Für ihren Traumberuf nahm sie zunächst an Ausbildungslehrgänge von Solothurn Tourismus (RSOT) teil. Ihr Wissen und Können erweiterte sie ständig mit Aus- und Weiterbildungen. So baute sie sich systematisch ihre Tätigkeit als Stadtführerin auf, so dass sie dann 2001 als freischaffende und selbständige Stadtführerin tätig sein konnte.

Obwohl sie in den mehr als 30 Jahren durch die Tätigkeit viel gelernt hat, bildet sie sich bis heute ständig weiter, wobei sie auch Kurse im Ausland einbezieht. Sie besuchte alle Weiterbildungen im «Verein der Schweizerischen Reiseleiter und Stadtführer» (ASGT) , in dem sie später mit einer Kollegin zusammen für 6 Jahre die Verantwortung der Weiterbildung übernahm. Im Jahr 2017 wurde ihr der Heimatschutzpreis des Kantons Solothurn verliehen. Dazu beigetragen hat die authentische Art der Stadtführung, denn Marie-Christine Egger schlüpft mit Haut und Haar in die Rolle der Führung, sei das durch Gestik, durch entsprechende Kleidung oder Haltung. Ihre Führungen sind für alle Sinne ein Genuss! Neben den Führungen in Solothurn hat sie auch mit ihrem inzwischen verstorbenen Partner die Gesellschaft der Einsiedelei St. Verena gegründet. Dies hat ihr den Horizont erneut erweitert und dazu geführt, dass durch dieses einzigartige Kulturgut nationaler Bedeutung viele neue Spezialführungen dazugekommen sind.

Ihr Drang nach Professionalität und Perfektionismus ist ungehalten, so dass sie mit grosser Freude jährlich 2 x eine Woche Fortbildung in historischem Tanz besucht. Für ihre Theateraufführungen muss sie nicht nur die richtige geschichtliche Kleidung anziehen, die ihr ihre «Hofschneiderin» Christine Schönbächler zaubert – allein diese einzigartigen Kostüme sind eine Attraktion, sondern auch wissen, wie die Menschen sich früher bewegt haben. Diese Ausbildungen lassen sie fühlen und denken wie die Menschen der damaligen Zeit. Regelmässige Lektionen bei Tanja Baumberger schulen das korrekte Sprechen und den Einsatz Ihrer Stimme – es wird nichts dem Zufall überlassen.

Zudem kennt sie viele Historiker, die sie mit Material und Wissen unterstützen und ihr helfen, alte Schriften zu lesen. Und auch bei der Buchhaltung, sowie allem, was mit Werbung zu tun hat, lässt sie sich unterstützen.

Für besondere Anlässe mit Essen, wie Henkersmahl, Lustmahl  nach Casanova, Mittelalteressen „gross myl“, Bettleressen, Zauberkräutermenü, Martinsgans, Festen statt Fasten, Kaffeekränzli, Moccamenü, versch.  Weihnachtsessen, Zunftessen, usw. arbeitet sie mit Gasthäusern, vor allem dem «Roten Turm», zusammen. Dort dekoriert ihr das Team prächtige Tische, steckt das Personal in Kostüme und kocht passende kulinarische Leckerbissen. Das Zunftessen wird authentisch im «Zunfthaus Wirthen» angeboten.Ihre Führungen macht sie allein, von der Planung bis zur Durchführung.

Für besondere Führungen, Essen und Anlässe engagiert sie auf Wunsch auch passende Künstler verschiedenster Sparten.

Der Beruf der Stadtführungen ist ihr Hobby. Und ein Hobby übt man in jeder freien Minute aus, auch in den Ferien. Das heisst für sie, Bücher lesen, Museen besuchen – für Marie-Christine Egger gibt es nichts Schöneres!

Unsere Interviewpartnerin und Stadtführerin Marie-Christine Egger

 

Marie-Christine, was ist deine Philosophie, wenn du Gästen die 2000 Jahre Geschichte deiner Stadt vermittelst? Was machst du an kalten Tagen, damit den Teilnehmern nicht die Füße einfrieren?

Mein Grundsatz ist: „Solothurn mit allen Sinnen erleben“ 2000 Jahre in kurzer Zeit zu erklären, das mache ich ungern. Viel lieber biete ich Führungen zu einem Thema an.

  • Eine Zeit: Römer, Mittelalter, Humanismus, Barock
  • Eine soziale Schicht: Die Unterschicht mit der Ausbildung zum perfekten Gauner, Das Leben der Oberschicht als Madame in Perücke und Reifrock, das Leben einer Magd, einer Marketenderin…
  • Dann nutze ich die Jahreszeiten und Daten für Führungen: Fasnacht, Karfreitag, Walpurgis, Muttertag, Allerheiligen, Weihnachten…
  • Bei Dunkelheit mache ich gerne Geister- oder Nachtwächterführungen.
  • Thematische Führungen sind spannend für bestimmte Berufsgruppen: Justiz, Medizin, Christentum, Bauleute, Musiker, Militär
  • Es braucht auch Führungen für Gruppen die wenig kulturinteressiert sind und nur 2 Stunden lang lachen möchten.
  • Bei jeder Führung gibt es etwas Passendes zu essen oder zu trinken, anzufassen, zu riechen, zu hören (Musik und Tanz)…
  • Meine Gäste werden in die Führung einbezogen. Sie lernen mit einem Fächer umzugehen oder sie dürfen, wenn sie mögen, das Handspinnen erlernen, sie müssen den Gaunerzinken folgen, usw.

Nicht nur bei Kälte wird jede Führung an einem zur Führung passenden Ort unterbrochen. Ich beziehe ja auch das Essen und Trinken mit ein. Ausserdem habe ich so die Möglichkeit bei Regen ins Trockene auszuweichen. Meine Gäste dürfen nie länger als eine Stunde stehen, das ist mir wichtig. Auch muss ein Toilettenbesuch möglich sein. Jeder Halt bietet mir Gelegenheit etwas vorzuführen oder eine besonderes Thema aufzugreifen.

Bei kaltem Wetter gibt es die Möglichkeit einer lustigen «Beizentour» (Geschichte des Essens und Trinkens), immer mit den passenden Konsumationen. Weiter habe ich viele verschiedene Essen im Programm, mache Auftritte als Person aus einer anderen Zeit oder halte Vorträge.

 

Was gehört zu deiner Grundausstattung für deine Führungen? Gibt es ein bestimmtes Utensil, das nie fehlen darf?

Das ist bei jeder Führung anders. Nur wenige Beispiele:

  • Bei Madame de Coin darf der Fächer, das Flohei und das Riechsalz nicht fehlen.
  • Das edele Vrouwenzimmer hat immer die Spindel und Gewürze dabei
  • Der Nachtwächter ist mit Horn, Laterne und Hellebarde ausgerüstet
  • Die Keltoromanin hat römische Würfel, ihren Hausgott, aber auch Reliquien dabei, usw.

Zu jeder Führung gehören unzählige Requisiten, meine Gäste müssen etwas sehen, berühren und ausprobieren können.

Ich schlafe zwischen meinen Kostümen und lebe in meinen Requisiten. Jeder freie Platz  ist mit Büchern ausgefüllt. Ich lebe im Paradies!

 

Welche Charaktereigenschaften muss man mitbringen, um als Stadtführerin tätig zu sein?

  • Wir arbeiten mit Menschen, also müssen wir Menschen gerne haben. Es braucht auch viel Fingerspitzengefühl um „tote Momente“ rechtzeitig zu spüren und aufzufangen. Oft kommen meine Gäste von Sitzungen und „müssen“ noch ein Kulturprogramm absolvieren. Oder ältere Gäste mögen nicht mehr stehen, oder Jugendliche müssen mit den Eltern noch eine Führung machen.
  • Weiter braucht es Kreativität. Eine Gruppe will unterhalten und nicht belehrt werden!
  • Es braucht Flexibilität. Haben die Gäste kalt, so hat es keinen Sinn eine Führung durchzuziehen. Ich kann auch im Gasthaus Geschichten und Geschichte erzählen. Der Zug hat Verspätung, der Car blieb im Stau stecken, die Gäste haben die falschen Schuhe an, und Anders mehr.
  • Es braucht Neugierde, um immer wieder Neues zu entdecken und alte Ansichten zu korrigieren. Geschichte ist keine exakte Wissenschaft.
  • Und schliesslich: Wenn ich einmal krank bin, dann heisst es Zähne zusammenbeissen und den Gästen ein einmaliges Erlebnis bieten. Es braucht also auch etwas Härte und Disziplin.

Improvisierst du während deiner Touren oder hast du doch einen sehr genauen Plan, nach dem du die Stadtführung hältst?

Es braucht beides. Jede Führung ist im Detail geplant, aber es ist für mich kein Problem vom Plan abzuweichen. Flexibilität ist wichtig.

 

Eine Stadtführung als unvergessliches Erlebnis

Wer eine Stadt an der Seite eines Stadtführers oder einer Stadtführerin kennen lernt, kann viel über diese Stadt lernen, das weit über das hinausgeht, was man durch eine Besichtigung ohne Begleitung erfährt. Und durch die lebhaften Schilderungen der Geschichte einer Stadt kann so eine Stadtführung zu einem unvergesslichen Erlebnis werden. Wir bedanken uns bei  Marie-Christine Egger für ihre Zeit und dieses informative Gespräch.

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